Arzneimittelbilder

Farrington, Klinische Materia medica

Arnica montana

Arnica montana wird gewöhnlich Leopardengift genannt. Die Tinktur von Arnica montana sollte lieber aus den Wurzeln der Pflanze bereitet werden, als aus den Blumen, weil in letzteren ein kleines Insekt haust, dessen Körper mit den Eiern zusammen beträchtlich die Wirkung der reinen Droge modifizieren und demnach Symptome beifügen kann, die den genuinen Einwirkungen von Arnica fremd sind. Wir finden auch ein ätherisches Öl in den Blumen, das in etwas sich von dem der Wurzel unterscheidet. Ich weiß nicht, warum die Pflanze Leopardengift heißt, denn sie ist kaum giftig. Da einige von übermäßigem Gebrauch entstandene Todesfälle auf Präparate aus den Blumen hinweisen, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß die meisten derselben den tödlichen Ausgang den Insekten verdanken. Die in unserer Materia medica offizinelle Spezies, Arnica montana, wächst nicht bei uns, sondern ist in Europa heimisch. Ihr ätherisches Öl enthält ein unvollständig bekanntes Alkaloid, Arnicin, und eine stärkehaltige Substanz, Inulin.
Um Arnica als ein Ganzes ordentlich aufzufassen, müssen Sie wissen, daß sie die Blutgefäße affiziert. Wie sie dies exakt tut, kann ich Ihnen kaum sagen, da es mir selbst nicht ganz klar ist; daß sie es aber tut, kann ich Ihnen sagen. Also sie affiziert die Blutgefäße, besonders die Kapillaren, in der Art, daß Dilatation der kleineren Gefäße und Blutextravasation möglich wird. Diese Schwächung der Kapillarwände, welche den Blutaustritt gestattet, erklärt die Anwendung von Arnica bei Traumen. Sie erklärt ebenso die Anwendung des Mittels bei typhösen Zuständen. Nun stellen Sie sich vor, daß Arnica in der Art die Kapillaren alteriert, daß Blut durch ihre Wandungen austritt, und Sie werden ihre Symptome verstehen. Es scheint eine venöse Stase vorhanden zu sein, die Blutaustritt herbeiführt. Solcher Blutaustritt kann nicht bei einem gesunden Gefäß vorkommen.
Arnica ist verwendbar für akute und chronische Folgen von Verletzungen. Die akuten Verletzungen, bei denen sie nützlich, sind folgende: Einfache Quetschungen mit auffälligen Ekchymosen: Erschütterungen des Hirns, des Rückenmarks oder beider. Wir haben kein Mittel, welches der Arnica gleichkommt bei letztgenannten Fällen. Selbst Kompression des Hirns paßt für Arnica, mag diese Kompression Folge eines dislozierten Knochenfragments bei Schädelbruch sein oder Folge von Bluterguß in die Schädelhöhle. Arnica wird jedoch in ersterem Falle nicht völlig heilen; eine Operation ist nötig, um dauernde Heilung zu bewirken.
Sie können Arnica anwenden bei Verletzungen der Muskeln nach Dehnung oder plötzlicher Zerrung, wie bei Schwerheben und bei Hämorrhagien mechanischen Ursprungs. Knochenbrüche können Arnica erfordern äußerlich und innerlich, um Schwellung und Auftreibung des Gliedes und auch das Zucken der Muskeln, Reflex-Symptom der Fraktur, zu beseitigen.
Bei chronischen Folgen von Verletzungen können wir Arnica anwenden, wenn Krankheiten, deren Erscheinungen selbst ganz fremd der eigentlichen Symptomatologie des Mittels sind, auf traumatischen Ursprung zurückgeführt werden können. Dabei ist es gleichgültig, ob das Krankheiten des Hirns, der Augen, der Lungen oder Nerven sind; ist Verletzung die Ursache, so kann Arnica mit Recht gebraucht werden.
Da Arnica zweifellos auf das Muskelgewebe selbst wirkt, so können wir sie auch bei Muskelerkrankungen verwenden, zum Beispiel, wenn jemand sehr schwer gearbeitet hat und demnach der ganze Körper sich weh und zerschlagen, wie geprügelt, fühlt; oder auch, wenn schwere Arbeit Hypertrophie des Herzens erzeugt hat. Das Letztgenannte ist eigentlich keine Krankheit, endet aber in Krankheit. Das Herz ist ein Muskel, der unter dem Reiz der Anstrengung ebenso wächst, wie der Biceps am Arm. Als Folge der Herzhypertrophie klagt der Kranke über Schwellung der Hände bei jeder Anstrengung. Die Hand wird röter, als natürlich, und schwillt, sobald der Arm herabhängt. Den Puls finden Sie voll und kräftig. Ist das Herz zu diesem Stadium der Hypertrophie gelangt, so finden sich neben den erwähnten noch örtliche Symptome.
Im Herzen das Gefühl, als würde es fest mit der Hand gefaßt. In der ganzen Brust Weh- und Zerschlagenheitsgefühl, und die Berührung derselben durch die Kleidung ist unerträglich. Dies wird Ihnen sofort Cactus nahelegen, der diese Zusammenschnürung am Herzen hat. Bei Cactus jedoch fehlt der traumatische Ursprung der Symptome. Die Empfindlichkeit der Brust ist auch bei Lachesis; aber das Arnica-Symptom unterscheidet sich dadurch, daß es nicht die Empfindlichkeit der Nervenendigungen wie Lachesis hat, sondern es ist ein wirkliches Wehtun wegen Anfüllung der Blutgefäße.
Andere Mittel, die bei dieser Herzhypertrophie mit Arnica zu vergleichen wären, sind:
  • Rhus Tox., besonders bei rheumatischer Diathese.
  • Arsenicum, wenn Erklimmen hoher Berge die Ursache.
  • Brom wurde bei diesem Zustande auch mit Erfolg angewendet.
Nun will ich Ihnen die typhösen Symptome von Arnica geben, die, wenn auch verschieden von den eben erwähnten, doch von ähnlichen Zuständen der Blutgefäße abhängen. Die in den Blutgefäßen durch das Typhusgift hervorgerufenen Veränderungen begünstigen die Bildung von Ekchymosen hier und da am Körper. Es ist auch passive Kongestion im Hirn vorhanden. Sie zeigt sich in Schlafsucht und Gleichgültigkeit gegen die Umgebung und gegen den eigenen Zustand. Der Kranke schläft ein beim Antworten auf Fragen, gerade wie bei Baptisia. Bei diesen Symptomen finden Sie fast immer den Kopf heiß und den Körper nicht heiß. Ich erwähne hier das kurz. Das Symptom in der Materia medica lautet: der Kopf ist heiß und der Körper kühl oder wenigstens nicht heiß; das beweist, daß eine Differenz in der Temperatur zwischen Kopf und dem übrigen Körper vorhanden. Dies Symptom wurde so oft bestätigt, daß Sie es wohl im Gedächtnis behalten müssen. Der Kranke klagt über ein Zerschlagenheitsgefühl im ganzen Körper, so daß ihm das Bettlager zu hart vorkommt. Er ist unruhig und wirft sich im Bett umher, um eine weiche Stelle zum Liegen zu finden; aber das Übel liegt nicht am Bett, sondern an ihm selbst. Sugillationen erscheinen am Rücken durch Hypostase. Die Lungen werden affiziert; und hier zeigt sich wieder derselbe Charakter der Arnica, nämlich Husten mit Expektoration von Schleim und Blut. Hat der Kranke noch Bewußtsein genug, so wird er über ein Gefühl von Wehtun und Zerschlagenheit in den Brustwandungen klagen. Schreitet die Krankheit noch weiter vor, so kann Arnica auch nötig werden, wenn der Blutdruck im Hirn so steigt, daß apoplektische Symptome verursacht werden. Das Atmen wird schwer und selbst stertorös. Der Unterkiefer sinkt herab, Petechien erscheinen auf der Haut, Stuhl und Urin gehen unwillkürlich ab, weil der Kranke im Stupor liegt. Das sind die typhösen Symptome von Arnica.
Nun kommen wir zu den Muskel-Symptomen. Arnica verursacht eine wirkliche Myalgie. Die Schmerzen treten an den Muskeln jeglichen Körperteils auf. Sie sind traumatischen Ursprungs oder kommen von Überanstrengung, und dabei besteht dies Weh- und Zerschlagenheitsgefühl, das so notwendig für die Wahl des Mittels ist.
Beim Rheumatismus können Sie Arnica anwenden, nicht bei dem eigentlich entzündlichen, sondern bei dem örtlichen Rheumatismus, der bei Winterwetter auftritt und oft eine kombinierte Folge von Durchnässung und Erkältung und Zerrung der Muskeln bei Überanstrengung zu sein scheint. In den affizierten Teilen Weh- und Zerschlagenheitsgefühl. Jede Bewegung verschlimmert demnach das Gefühl. Es sind scharfe, schießende Schmerzen, die vom Ellenbogen den Vorderarm hinunterlaufen oder die durch die Beine und Füße schießen. Die Füße schwellen oft und haben das Weh- und Zerschlagenheitsgefühl.
Bei Verletzungen kommen mit Arnica folgende Mittel in Betracht: Zuerst Rhus Tox., welches, wie ich Ihnen schon mehr als einmal sagte, der Arnica vorzuziehen ist, wenn mehr die Gelenksbänder, als die weichen Teile von der Verletzung betroffen werden. Es wirkt auf die fibrösen Gewebe. Arnica paßt mehr für die Schwellung der anderen Gewebe.
An Calendula ist zu denken, wenn die Verletzung eine gerissene oder zerfleischte Wunde verursacht, möglicherweise mit Substanzverlust. Calendula entfernt den entzündlichen Zustand und bahnt auf diese Weise gesunde Granulation an.
Hypericum ist für Arnica zu substituieren, wenn die Nerven neben den anderen Weichteilen verletzt wurden. Nichts gleicht dem Hypericum bei gequetschten Fingern. Es lindert den Schmerz und fördert die Heilung. Es folgt oft auf Arnica bei Rückenmarkserschütterung. Dr. Ludlam in Chicago ist sehr eingenommen für Hypericum bei diesem Leiden des Rückenmarks. Er hat manchen schweren Fall damit geheilt.
Noch ein anderes Mittel ist Staphisagria. Dies ist das Mittel für glatte, reine Schnitte, wie sie das chirurgische Messer macht, und paßt daher für Symptome, die mit chirurgischen Operationen im Zusammenhang stehen. Selbst wenn die auftretenden Symptome sich nicht ganz mit der Symptomatologie von Staphisagria decken, so können Sie doch bei der in Rede stehenden Ursache Erfolg von ihrer Anwendung erwarten.
Ledum ist nützlich nach Arnica, wenn diese im Stich läßt, den Schmerz zu lindern. Es ist auch passend bei Verletzungen durch spitze Instrumente, also bei Stichwunden. Symphytum officinale ist das eigentliche Mittel bei Knochenverletzungen. Zum Beispiel, wenn ein Schlag aufs Auge die Orbitalplatte des Stirnbeines verletzt. Es kann auch gegeben werden bei irritablem Stumpf nach Amputation und ebenso bei Irritabilität des Knochens nach Fraktur. Ist letztgenannter Zustand Folge schlechter Ernährung, so müßte Calcarea phosph. verordnet werden.
Gegen heftig brennende, stechende Schmerzen in einem Stumpf nach der Operation ist Allium Cepa das Mittel.
Arnica kann gegeben werden, um Pyämie zu verhüten. Manche Ärzte nehmen an, daß dies Mittel die Entleerung des Eiters fördert, daß es das Hervortreten des Eiters auf der Wundfläche befördert. Um Pyämie zu verhüten, geben manche Chirurgen Arnica nach Operationen örtlich und innerlich zu gleicher Zeit.
Diese Eigenschaft der Arnica, Pyämie zu verhüten, stützt sich auf die stereotype Praxis der Ärzte, dies Mittel Frauen nach der Entbindung zu geben. Es mildert die Nachwehen und fördert besser die Zusamenziehung des Uterus und die Austreibung der Coagula und etwa zurückgebliebener Häute.
Arnica wirkt auf die Haut, verursacht Furunkel über den ganzen Körper. Sie beginnen mit Schmerz, gehen in Eiterung und es folgen ihnen andere Furunkel. Sie kann auch bei Geschwüren und Abszessen gegeben werden, die teilweise reif waren, aber statt sich zu entleeren, zusammenschrumpfen wegen Resorption des vorhandenen Eiters. Arnica, innerlich und äußerlich angewandt, bringt wieder Abszedierung.
Ferner möchte ich in Verfolg der Arnica-Wirkung Ihre Aufmerksamkeit auf die Wirkungen des Mittels auf den Tractus gastrointestinalis lenken. Wir finden sie indiziert bei Dyspepsie, wenn nach dem Essen apoplektische Kongestion nach dem Hirn droht mit klopfendem Kopfschmerz und Schlafsucht; und ebenso, wenn etwa Verdauungsstörungen da sind; dabei fauler Geruch des Atems, schleimig-gelber Zungenbelag, Aufstoßen von Gas mit Geschmack nach faulen Eiern, tympanitische Auftreibung des Bauches und faul riechende Stühle.
Arnica kann erforderlich werden bei Cholera infantum, Diarrhöe oder Dysenterie; die Stühle haben faulen Geruch, sind schleimig, blutig, selbst eitrig und dabei viel Drängen und Zwängen zum Stuhl. Die eben erwähnten dyspeptischen Erscheinungen werden zugegen sein und scharfe stechende Schmerzen in den Bauchwandungen. Der Kranke hat Durst und doch weiß er nicht, was ertrinken möchte.
Ich möchte nun noch zum Schluß die Anwendung der Arnica beim Keuchhusten erwähnen. Sie ist indiziert bei Kindern, die heftigen Kitzelhusten haben, der einzutreten scheint, sobald das Kind sich ärgert. Das Kind verliert den Atem, wenn es weint. Vor dem Paroxysmus fängt es an zu weinen. Warum? Lungen und Luftröhre Schmerzen. Der kleine Kranke weiß, was kommt, und fürchtet sich davor; das ist die Erklärung der Erscheinung. Der Auswurf ist schaumig, schleimig und immer mit Blut gemischt. Bei Kompression des Hirns nach Apoplexie kann Arnica gegeben werden, wenn mit der Hemiplegie ein schmerzliches Wehtun im ganzen Körper verbunden ist. Durchliegen tritt sehr leicht ein.